Die Übung des Gegenwärtig seins oder was hat Zen mit dem Berateralltag zu tun?

Die Übung des Gegenwärtig seins oder was hat Zen mit dem Berateralltag zu tun?

Es ist noch nicht lange her, da gehörte Arbeit in den gewöhnlichen Alltag hinein und spirituelle Übungen ins Kloster. Beides fein säuberlich von einander getrennt. Der berühmte Satz, wonach man nicht zwei Herren dienen könne, nämlich dem Mamon und Gott, hat in unserer Kultur nicht nur tiefe Spuren hinterlassen sondern dafür gesorgt, dass der Alltag einfach als profan abgewertet wurde und gleichzeitig das Geistige abstrahiert und weggesperrt worden ist. Nun aber werden wir seit einigen Jahren Zeugen einer neuen Bewegung. Die Spiritualität unter dem Namen Zen, Meditation oder Achtsamkeitsübung verlässt ihrer gewohnte klösterliche Umgebung und findet auch im Alltag statt. Umgekehrt aber auch: Viele berufstätige Menschen finden in der Art und Weise wie sie leben und arbeiten nicht die versprochene und erhoffte Zufriedenheit und wenden sich ihrerseits gestiegen Übungen zu.

Was bedeutet diese Bewegung konkret? Wie kann Zen oder Achtsamkeit im beruflichen, ja im beraterischen Alltag gelebt werden?

Zunächst ein paar Sätze zum Zen. Zen entstammt einer alten chinesich-buddhistischen Tradition und vertritt die unter Andrem die Auffassung, dass nur Gegenwart existiert. Das bedeutet, dass die Vergangenheit vergangen ist und die Zukunft noch nicht da ist. Mehr noch: Wenn sie sich an die Vergangenheit erinnern, dann tun sie es jetzt. Sie vergegenwärtigen sie sich erneut. Und wenn sie Zukunftspläne schmieden, dann tun sie es ebenfalls jetzt. Alles ist Gegenwart. Nun ist es aber so, dass wir gefühlt selten da sind, wo gerade unsere Füße stehen, unsere Hände liegen oder der Gesprächspartner sitzt. Wir sind meistens in Gedanken unterwegs.
Das ist aber noch nicht Alles. Wir leben und arbeiten unentwegt so, dass wir die Gegenwart eigentlich nicht wirklich wertschätzen, sondern immer zu als Sprungbrett für unsere Vorstellungen von einer noch besseren Zukunft betrachten. Das bedeutet wiederum, dass unserer Ziele fast immer attraktiver sind, als die eben stattfindende Wirklichkeit. Als Folge davon leben wir meistens unbewusst und nach dem Motto: Das Ziel heiligt die Mittel. Und im Handumdrehen wird Alles und Jeder zum Mittel umgewandelt für das von mir avisierte Ziel. Damit sind wir sehr selten bei dem, was gerade ist. Im Berufsleben ist das eine nahezu standarisierte Haltung: Ich arbeite um Geld zu verdienen und um mir das zu leisten, was ich als schön, wichtig und angenehm empfinde. Ich arbeite selten, weil das Arbeiten an sich erfüllend und damit sinn-voll ist. Leider nicht. Für viele von uns ist die Arbeit sinn-los geworden, weil wir nicht mehr mit den Sinnen bei ihr sind, sein wollen oder sein können.

Was hat das mit dem gängigen Verständnis einer Berater Tätigkeit im Finanzsektor zu tun?

Sehr viel. Die Berater Branche genießt immer noch den Ruf einer provisionsgesteuerten Zunft, die eigentlich nicht wirklich berät, sondern dasjenige Produkt verkauft, welches vom Anbieter her die höchste Provision verspicht und wenn nicht die höchste, dann zumindest Eine, denn von irgendwo muss das Geld ja herkommen. Damit kann aber nicht wirklich von Beratung die Rede sein, sondern von einem als Beratung verpackten Verkaufsgespräch.

Was könnte sich durch die Achtsamkeitspraxis des Zen daran ändern? Äußerlich gesehen nicht viel. Gott sei Dank. Innerlich betrachtet aber: Alles. Wenn sie Gegenwärtig sind oder es sein wollen, dann sind sie mit dem, was ist, eins. Sie sind sinnlich dabei und das jetzige Tun macht eben dadurch Sinn und zwar nicht irgendwann in der Zukunft, wenn sie die Provision bekommen, sondern hier und jetzt.

Sind sie dagegen beim Arbeiten ständig ergebnisorientiert, so unterliegen sie der Illusion der Wirklichkeit einen Schritt voraus zu sein. In Wirklichkeit aber sind sie einen oder mehrere Schritte aus der Wirklichkeit heraus. Diese Verwechslung ist bitter und wird leider übersehen. Sie ist um so bitterer, je hartnäckiger der vor ihnen sitzender unschlüssiger Kunde sie daran hindert, ihr Ziel zu erreichen.

Was spricht eigentlich dagegen, anstatt im Augenblick Abwesende Produkte zu verkaufen, die Beratung als Beratung stattfinden zu lassen und diese so gut zu verrichten, dass die Person die uns gegenüber sitzt sich verstanden fühlt, Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten erkennt und ihre Wertschätzung für diese Beratung nicht nur in Form einer Zufriedenheit sondern auch in Euro zum Ausdruck bringt?

Beide, der Berater und der Beratende wären dadurch eins. Mehr noch: Beide wären in der Gegenwart und sinnlich dabei. Für beide würde das Treffen Sinn machen.
Das Ergebnis, auch aus monetären Sicht betrachtet, wäre dann die natürliche Folge solch eines gegenwärtigen Ereignisses. Sie könnte sogar ihre Arbeit genießen.
Mit anderen Worten: Zen im Alltag.

Alexander Poraj

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