Intuition

Intuition

Ich weis nicht, wie Sie es empfinden, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass in den komplexen Entscheidungsprozessen, die wir zur Zeit durchlaufen, der Intuition eine nahezu magische Rolle zugesprochen wird. Das mag vielleicht eine gewisse Berechtigung haben. Was aber nicht ganz richtig ist, ist die Tatsache, auf die Intuition mit solch einer Selbstverständlichkeit zu verweisen, als wäre für uns alle klar, wofür der Name „Intuition“ denn eigentlich steht. Mehr noch, ich vage zu behaupten, dass der ungebremste Aufstieg der „Intuition“ genau damit zusammenhängt, dass sich nämlich jeder darunter genau das vorstellen darf, was er für sich unter diesen Namen für gut und richtig hält. Und dazu passen eine ganze Reihe von willkürlich aus dem undurchschaubaren Zusammenhang gerissene Ereignisse, die sich, eben weil für den Verstand ihrer Komplexität wegen undurchschaubar, zuweilen auch so fügen, wie es unseren Vorstellungen entspricht, was wir sofort auf unser Konto verbuchen. Das Konto aber, um das es sich in solchen Fällen handelt, ist ein personalisiertes Geheimkonto, genannt Intuition.

Was ist die Besonderheit dieses Geheimkontos? Nun, es besteht aus einer hübschen Summe längst vergessener Einzahlungen. Anders formuliert: Unserem komplexen System, das wissen wir bereits, entgeht so gut wie kein Ereignis oder Erlebnis. Mehr noch, wir haben Zugriff auf Wissen und Erfahrungen, die wir selber gar nicht gemacht haben, die aber von anderen Artgenossen als „erfolgreich“ oder besonders „gefährlich“ verbucht und weitergegeben worden sind. Wir als Ganzes, nicht nur unser Bewusstes Denken und Erinnern, sind eine lebende Schatzkiste voller Erfahrungen und Wissen, die ständig mit dem was ist in Resonanz tritt und das sogar dann, wenn es uns gar nicht in den bewussten Kram passt.

Das alles kann heutzutage sogar in Zahlen ausgedrückt werden. So geht man davon aus, dass unser unbewusstes System pro Sekunde ungefähr 80000 Informationen verarbeitet, während sich das bewusste System mit ganzen 8 Informationen zufrieden geben muss und das betrifft auch noch die etwas geübteren Personen.

Also nenne ich „Intuition“ die ständig stattfindende Resonanz unserer kompletten Systeme mit allen anderen; ein Interagieren, dass seiner Komplexität wie auch Schnelligkeit wegen, überhaupt nicht bedacht werden kann und doch gelebt werden will.

Noch anders gesagt: Intuition ist ein Wort für den ständig stattfindenden unmittelbaren und lebendigen Austausch von allem. Sie ist es, die am ehesten die Bezeichnung „Unmittelbarkeit“ verdient.

Manchmal aber, wirklich nur manchmal merken wir, wie sich etwas fügt. Dann glauben wir sofort daran beteiligt zu sein, kleben unser Copyrightzeichen drauf und verbuchen es in der Spalte „Ich“ und „Mein“. Naiv wie wir so sind, glauben wir uns der Intuition bemächtigen zu können, als wäre sie unsere Dienerin. In Wirklichkeit aber führt sie uns an der Hand und ähnlich einer sehr weisen und gleichzeitig aufmerksamen Mutter, schaff sie es meistens auch noch rechtzeitig, uns vor dem schlimmsten, nämlich vor uns selbst zu retten.

Alexander Poraj

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.